19 Mai 2017

Weckworte

Wetterauer Zeitung  16. Mai 2017   Von Christine Fauerbach

Lars Ruppel kann zwar keine Krankheit durch den Vortrag von Gedichten heilen. Er begegnet den Betroffenen intellektuell und menschlich

auf Augenhöhe. Im AGO-Seniorenheim begeistert er mit seinem Projekt »Weckworte«. (Foto: cf)

 

Uneingeschränkte Aufmerksamkeit ist Lars Ruppel sicher. Egal, ob er im AGO- Seniorenheim oder auf der Bühne in der Alten Mühle spricht. Mit Gedichten und Reimen, mit klassischer und moderner Poesie, weckt er die Lust an Worten und Bewegung. Das wirkt sich auf die Lebensfreude aus. Schnellstrahlen die Menschen, die im Stuhlkreis um ihn herumsitzen. Ein Teil von ihnen lebt im AGO-Heim , andere treffen sich im »Café Kleeblatt« für Menschen mit Demenz. Mit dabei sind auch Angehörige, Pfleger und Schüler von zwei Deutschkursen des Georg-Büchner-Gymnasiums. Ruppel präsentiert sein Projekt »Weckworte«. Mit ihm zeigt er, wie Pflegekräfte und Angehörige klassische Gedichte zur Förderung kultureller Vielfalt in die tägliche Pflege integrieren können.

Ruppel ist Erfinder des Alzheimer-Poesie-Projektes »Weckworte«. Entwickelt hat er es vor acht Jahrenals Poesie-Projekt für Menschen mit Demenz. Inzwischen ist daraus eine Konzeption für eine

Fortbildung entstanden. Ruppel zeigt Angehörigen und Pflegekräften wie sie Gedichte performen und in den Pflegealltag einbauen können.

»Es ist zwar bislang nicht wissenschaftlich untersucht worden, ob Poesie gegen das Vergessen hilft oder einen therapeutischen Effekt hat, aber es ist eine tolle Erweiterung meines Arbeitsspektrums als Dichter, die mir Spaß macht.« Anstelle von Beifall sieht er in lachende Gesichter, hört wie die Menschen begeistert mit ihm Gedichte rezitieren. Und er freut sich über »das tolle Feedback« von den

Pflegern und Yvonne Göttig vom AGO- Seniorenheim. Hier haben 120 Senioren ein zweites Zuhause gefunden und es werden weitere 44 Bewohner von den 80 Pflegekräften im betreuten Wohnen umsorgt.

»Mit diesem Workshop stellen wir das Thema Demenz in den Mittelpunkt, wollen den Teilnehmern die Scheu nehmen. Fühlen, sprechen, erleben und wahrnehmen können auch an Demenz erkrankte Menschen«, sagen Dr. Hans-Ulrich Callies und Hannelore Lutz von der Nachbarschaftshilfe als Mitveranstalter. »Ich habe eine Technik entwickelt, die auf Interaktion und dem Wiederholen von Texten, der szenischen Darstellung und dem Übertragen von Gedichten durch Berührung beruht«, erklärt der 32-jährige Poetry-Slammer sein bundesweit angebotenes Projekt. Neben dem Vortragen der Gedichte, sodass sie »auch Schwerhörige und Demente verstehen«, beruht ein Teil auf der sprachlichen Schulung von jungen Menschen und dem Vermitteln von Kontakten mit der Zielgruppe.

Denn: »Sprache spielt im Alltag eine große Rolle. Wenn die Sprache endet, endet auch die Welt«, sagt Ruppel. Die Faszination Sprache deutet er in seinem Motivationsspruch an: »Ich bin müde, ich bin ein Pinguin, ich kann gar nichts, außer ganz gut Gedichte vortragen.«

Es folgt ein Mix aus Versen, die er abwechselnd mit Schülern, Pflegekräften oder Gästen vorträgt. Bei Gedichten wie »Herr Ribbeck« (Fontane), »Mondnacht« (Eichendorff), »Morgenwonne« (Ringelnatz), »Mutters Hände« (Tucholsky) oder »Was es ist« (Erich Fried) sind die Senioren hellwach und fallen begeistert in die Rezitation ein. Aufmerksam hören sie bei Gedichten wie »Der Riese Timpetu« von Alwin Freudenberg oder »Das Reh springt hoch« von Heinz Erhardt zu. Voller Freude machen sie bei Spielen wie die »Reise nach Jerusalem« mit. Begeistert vom Workshop sind auch Schülerinnen wie Kübra (17): »Ich finde es gut, dass das Thema Demenz in der Gesellschaft aktuell ist und auf so unterhaltsame Weise vorgetragen wird.«