06 Nov 2017

Einfach mal klingeln

Kennen Sie Ihren Nachbarn? Die meisten Deutschen tun sich mit ihren Nachbarn nicht gerade leicht. Gut die Hälfte von ihnen will nicht einmal wissen, wer da gleich nebenan wohnt. Doch inzwischen ändert sich etwas: In den Städten bilden sich nachbarschaftliche Netzwerke.


Ein Experiment der besonderen Art führte Stephanie Quitterer durch. Die Berlinerin packte einen Korb mit Kaffee und Kuchen und klingelte bei den Nachbarn. Einfach so. An jedem Tag nahm sie sich eine andere Tür vor. Auf diese Weise traf sie an 200 Tagen 200 Menschen. Sie war fasziniert und überrascht zugleich von der Gastfreundschaft, die ihr entgegen gebracht wurde. Die Bilanz: Auf einen Nachbarn, der Stephanie spontan in seine Wohnung einlud, kamen zwölf, die nicht zuhause waren, fünf Nachbarn lehnten ab. Sie unterhielt sich mit den Menschen über alles, was sie bewegt: die Familie, den Job, den Ehepartner. Und sie baute langsam eine Beziehung zu ihnen auf. Aus einigen sind Freunde geworden. Über ihre Erlebnisse hat Stephanie ein Buch geschrieben. In „Hausbesuche“ (Knaus Verlag) beschreibt die Autorin ihre Erfahrungen.

Distanz statt Kontakt
Was die Berlinerin getan hat, ist die große Ausnahme. In der Regel klingelt man nicht einfach so nebenan. Nur etwa ein Drittel der Deutschen wünscht sich einer Studie zufolge einen engeren Kontakt. Jeder Zweite kennt den Bewohner nebenan nicht einmal. Es sei denn wir streiten: In keinem anderen Land der Welt ist Ärger zwischen Nachbarn so häufig. Viele würden ihren Nachbarn während eines Urlaubs zwar den Schlüssel zum Postkasten anvertrauen. Aber zur Wohnung? Lieber nicht. Wir pflegen Distanz. Es könnte ja zu viel Nähe entstehen und das eigene Leben stören oder Verpflichtungen entstehen. Das belegt eine US-Studie, die den Zusammenhang zwischen harmonischen Nachbarschaftsbeziehungen und einem verringerten Herzinfarktrisiko untersuchte.

Funktionierende Nachbarschaft erhöht die Lebensqualität
Man darf die Zurückhaltung der Deutschen nicht falsch verstehen: Nachbarschaftliche Kontakte werden allgemein geschätzt und auch gesucht, das zeigen Umfragen immer wieder. Und wer Glück hat, lebt in einem Umfeld, in dem die Nachbarschaft wie in der ehemaligen DDR und in Westdeutschland über Jahrzehnte besonders im ländlichen Raum gepflegt wurde. Dabei sind Familien und ältere Menschen grundsätzlich offener für nachbarschaftliche Beziehungen. Junge, ungebundene Menschen halten Netzwerke am Wohnort kaum für notwendig.

Stadtplaner und Sozialforscher sehen allerdings eine Veränderung. Sie empfehlen Nachbarschaftsnetzwerke als geeignetes Mittel, um der wachsenden Vereinsamung entgegenzuwirken und um dem strukturellen Wandel zu begegnen: In den nächsten Jahrzehnten werden unsere Städte wachsen, unsere Dörfer aber schrumpfen oder ganz verschwinden. Es braucht Ideen, den Menschen an beiden Orten das Leben lebenswert zu machen. In großen Ballungsräumen etwa gelten generationenübergreifende Haus- und Wohngemeinschaften als idealer Ersatz für weit entfernt lebende oder gar nicht erst vorhandene Angehörige. Nachbarn können sich in Alltagsfragen oder gar Notfällen unterstützen, die in ihrer Summe als Dienstleistung für die meisten Menschen unbezahlbar sind: Einkäufe, Rasenmähen, Fahrdienste, Glühbirnen auswechseln. Funktionierende Nachbarschaften können etwas von dem bieten, was früher die Kernkompetenz der Familie war: Zugehörigkeit, Geborgenheit, Gemeinschaft.

„In uns wächst irgendwann ganz natürlich das Bedürfnis, Menschen in nächster Nähe zu begegnen“, sagt Iris Stockbauer. Sie ist Vorstandsmitglied der Nachbarschaftshilfe Bad Vilbel, die Menschen in Straßen und Stadtvierteln vernetzt und dann auch im echten Leben zusammenbringt. „Wir haben erkannt: Wir brauchen einander.“ Und ergänzt: „Traut euch. Geht einfach los und klingelt.“

Autor: hh
Einstellungsdatum: 06.11.2017